Von Schätzen, Krach und Unproduktivität

October 5, 2008

Der Mensch besitzt ein räumliches Gedächtnis. Das heißt natürlich nicht, alle Vektorrechnungsaufgaben von vor 3 Wochen auswendig zu können. Ohne diese Funktion hätten es aber beispielsweise Blinde noch schwerer. Wenn man sich dies durch den Kopf gehen lässt, ist es doch erstaunlich, dass ich es nicht schaffe, beim Gang in die Küche, vom Wunsch beseelt ersteinmal ein bisschen Licht zu haben – zu viel darf es auch nicht sein, sonst resultiert der Ausflug im Aufwachen der Eltern – NICHT den verdammten Abzug einzuschalten. Zugegebenermaßen befindet sich der Schalter für die schummrige Herdbeleuchtung nur 1,5 Inch vom Lüftungsregler entfernt, aber mittlerweile müsste ich ja genug Übung haben.

Der Biobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobiobio Kaffee (Sorte: kräftig) ist sein Geld wert. Noch bitterer ist allerdings die Tatsache, dass jedes Kaffeepad einzeln in einem kleinen außen-Papier-innen-Geschmack-Folie verpackt ist. Die Nachhaltigkeitssache klappt damit nicht ganz. Macht nichts, ist ja biobiobiobiobiobiobiobiobio, das beruhigt das Gewissen. Jedenfalls, der Kaffee ist gut. So gut, dass ich drei Stunden nach dem Leertrinken der Tasse anfing zu zittern, als läge die Raumtemperatur unter dem Gefrierpunkt. Diese Temperatur kommt vor, aber nur 5 Uhr morgens ab Oktober bis März und weckt zuverlässiger als jeder Hahn oder waschlappenwerfender Vater. Nachdem meine Muskeln zur Ruhe gekommen sind, kann ich feststellen – an Schlafen diese Nacht nicht mehr zu denken.

Ich habe diese zusätzliche Zeit bereits irrsinnig produktiv genutzt – mit dem Bedrucken eines T-Shirts. 我是国宝, 我怕吵。 1:0 für Chinglish. Irgenwann backe ich auch mal Sierpinski-Plätzchen, am besten zur Feier des Abschlusses der BeLL. Die läuft mittlerweile etwa besser, das 15-Seiten Minimum ist schon geknackt, jetzt muss eigentlich nur noch die Dokumentation erfolgen, leider habe ich die Testdurchläufe vom Anfang KOMPLETT vergessen.

Interessant ist folgender Artikel zu den Niveaustufen des Chinesischen.  Es sei, im Gegensatz zu europäischen Sprachen eine distante und keine affine Sprache. Aber beispielsweise kann ich eine Affinität zum Französischen nicht bestätigen, zumindest was die Aussprache angeht. Ich komme mir bei meinen Versuchen absolut lächerlich vor. Es heißt, wer Englisch leicht erlernt, hat im Französischen Probleme und umgekehrt. Mein Opa bestätigt das, leider jedes Mal, wenn eine der beide Sprachen auch nur erwähnt wird.

Aufpassen sollte man auch bei so beruhigenden Angaben wie “HSK Advanced (高级gaoji) (mehr als 2200 Schriftzeichen) Level 9-11 C1″ Ein chinesischer Bauer muss 1500 Zeichen lernen, um nicht als funktioneller Analphabet zu gelten, ein Hochschüler wird über mindestens 7000 Hanzi geprüft. Der Hanyu Shuiping Kaoshi (HSK- ein normierter Test) ist definitiv nicht mit diesem Level zu schaffen. und C1 korrespondiert auch nicht damit. Drei Jahre soll man laut Website in China studieren, um bis dahin zu kommen. Blöd ist nur, dass chinesische Kindern, die seit ihrem ersten Atemzug mit der  Sprache in Kontakt gekommen sind und natürlich auf Grund ihres Alters eine bessere Lernkurve zeigen, mit ca. 11 Jahren ein etwa C1 Level erreichen, gemessen an gebildeten erwachsenen Muttersprachlern.

Erheiternd ist auch die Liste des Zeichenschatzes für die gymnasiale Oberstufe. Da sollen ca. 600 Zeichen passiv und 400 Zeichen auch aktiv(heißt das handschriftlich? Immerhin könnte man ja jedes Zeichen, a) das man erkennt und b) dessen Pinyin-Romanisierung man kennt per Computer produziert werden.) beherrscht werden. Wohlgemerkt: Nach zwei Jahren Unterricht mit 3-4 Unterrichtseinheiten pro Woche. Ich bin zugegebenermaßen kein Gedächtnismeister, aber man muss ja auch keinem erzählen, dass ich 500 Zeichen innerhalb von 6 Tagen gelernt hatte. Am siebten Tag ruhte Gott sich aus (und überlegte sich schonmal, wann er mit Schreiben lernen anfängt)… Dieses Beispiel soll illustrieren: Wenn man sich einen Großteil der Kenntnisse eines Fachs in zwei Wochen aneignen könnte, sollte in Erwägung gezogen werden, den Lehrplan zu überdenken, oder vielmehr – hört endlich auf, euch einzureden, dass ihr was besseres wärt, liebe Gymnasiasten der Handvoll Schulen in Deutschland mit Chinesischunterricht, nur weil ihr eine ach so schwere Sprache lernt.

Da wir gerade dabei sind Blasphemie zu betreiben: Seit Jahren liegt mir meine (agnostisch-pseudo-buddhistische) Mutter in den Ohren, den christlichen Jugendverein in unserem Viertel zu besuchen, vielleicht fände ich ja dort Freunde. Es ist nun definitiv nicht so, dass ich keine Freunde hätte, nur sind die halt sehr verstreut und erreichen teilweise einen weitaus höheren Wert auf der Seltsamkeitsskala als ich.  Jedenfalls böte sich der Treff an, da hätte ich auf einen Schlag gleich ganz, ganz viele Freunde. Nur ist mein Bedarf an leicht entrückten, kreationistischen, bete-für-deine-Schule Freunden äußerst gering. Aber hingehen werde ich trotzdem mal. Zur Jesusparty oder zum Gesundbeten der asbestverseuchten Schulen. Vielleicht finde ich ja Sinn im Leben, den entdeckt man ja nicht, wenn man ein atheistisch-naturalistisches Weltbild hat. Aber um mein Weltbild geht es hier ja nicht, das ist sowieso nicht atheistisch – es stellt sich nur die Frage, ob es sinnvoll ist mit der Tür ins Haus zu fallen. Oder sein Kind zu einem Verein zu schicken, dessen Ansichten man nicht einmal ansatzweise teilt.

Advertisements

4 Responses to “Von Schätzen, Krach und Unproduktivität”

  1. Benni said

    “Zugegebenermaßen befindet sich der Schalter für die schummrige Herdbeleuchtung nur 1,5 Inch vom Lüftungsregler entfernt, aber mittlerweile müsste ich ja genug Übung haben.”
    Ich bin mir sicher, dass die Affen, die statt ins Madennest in den Bienenscharm gegriffen haben, um einiges schneller laufen konnten, als die Blindgreifenden ;). (Oh Gott, ich bin gerade in die Sparte der Leute gerutscht, die alles evolutionsbiologisch erklären wollen – die Gummibärchen waren’s!)

    “So gut, dass ich drei Stunden nach dem Leertrinken der Tasse anfing zu zittern, als läge die Raumtemperatur unter dem Gefrierpunkt.”
    Wie heißt das Zeug und wieviel kann man davon auf einmal trinken, ohne an einem Embolus im Hirn zu sterben?!

    “Aber beispielsweise kann ich eine Affinität zum Französischen nicht bestätigen, zumindest was die Aussprache angeht.”
    Ich stell mich mal erdreistender Weise als großer Lehrmeister hin und sag dir, dass das noch kommt.

    Das Problem, wenn man Deutsch-Muttersprachler ist, ist, dass man Worte in der Regel als ganzheitliche, abgehackte Gebilde versteht, wie es im Deutschen ja auch der Fall ist. Gerade in Richtung Englisch ist das kein Problem – beispielsweise prasseln Vokale auch hier gern aufeinander und wie im Deutschen sind die umgangssprachlichen Anbindungen suffixial (“I’ve” vgl. “Ich hab’s”).
    Wie gesagt, wenn du erstmal hinter das System gekommen bist, spricht sich das unheimlich flüssig. Wobei übrigens, wie mir grad einfällt, gerade das Französische dem gehobenen Sprachgebrauch im Deutschen viel näher kommt.
    Im Grunde hat das Französische nur ein paar wenige Unregelmäßigkeiten, die größtenteils aus frühmittelalterlichen Zeiten stammen. Außerdem machst du beachtliche Fortschritte ;P.

    “Es heißt, wer Englisch leicht erlernt, hat im Französischen Probleme und umgekehrt.”
    Da kann natürlich auch was dran sein =/. Ich würde diese These auf alle Fälle als lebendes Beispiel bestätigen.

    “…den christlichen Jugendverein in unserem Viertel zu besuchen, vielleicht fände ich ja dort Freunde. Es ist nun definitiv nicht so, dass ich keine Freunde hätte, nur sind die halt sehr verstreut und erreichen teilweise einen weitaus höheren Wert auf der Seltsamkeitsskala als ich. Jedenfalls böte sich der Treff an, da hätte ich auf einen Schlag gleich ganz, ganz viele Freunde. Nur ist mein Bedarf an leicht entrückten, kreationistischen, bete-für-deine-Schule Freunden äußerst gering. Aber hingehen werde ich trotzdem mal. Zur Jesusparty oder zum Gesundbeten der asbestverseuchten Schulen. Vielleicht finde ich ja Sinn im Leben, den entdeckt man ja nicht, wenn man ein atheistisch-naturalistisches Weltbild hat. Oder? ODER?”
    Also erster finde ich, dass die Bemerkung, man solle sich doch gefälligst Freunde suchen, sehr gemein irgendwie. Sogar mein Bruder hat welche und der ist so sozialkompetent wie grassierender Schimmelpilz. Außerdem muss man sich fragen, wie viel eine Freundschaft wert ist, die aufgrund eines Vereines zustande kommt, der offensichtlicherweise darauf aus ist, Freundschaften zu kreieren – ich sprech jetzt mal Broch: Es gibt einen Unterschied zwischen “wir sollten Freunde werden” und “Ich will dein Freund sein”. Freundschaften sind ohnehin eine überbewertete Messlatte der Gesellschaft: Je geringer die Ansprüche an den Begriff “Freund”, umso mehr Freunde hat man. Das ist doch doof.

    Bleiben wir im nihilistisch vor uns herreden: Du brauchst doch keinen Sinn des Lebens ;P.
    Übrigens stell ich mir dort wirklich grad keinen Bibelkreis von Kreationisten vor, die die Arche Noah nachstellen … Gott, es gibt so viele schlimme Vorurteile gegenüber religiösen Menschen ;_;” .

  2. taohuayuan said

    “Übrigens stell ich mir dort wirklich grad keinen Bibelkreis von Kreationisten vor, die die Arche Noah nachstellen …” Das könnte eng werden… Ein kleines Fenster für das ganze Schiff voll mit zwei von jeder Art… Na klar, essen die garantiert Kekse und quatschen übers Leben und machen neben her ein bisschen beten und Lobpreis, aber (Zitat)”Besonders während der DDR-Zeit wurde uns in der Schule vermittelt, es sei bewiesen, dass der Mensch vom Affen abstammt. Aber inzwischen hat sich das Bild etwas gewandelt: denn mittlerweile glauben viele der weltweit führenden Wissenschaftler bereits nicht mehr an eine Evolutionstheorie, einfach weil ihr die Beweise fehlen. Eine Schöpfung ist dagegen realistischer. Das Kernproblem: hätte es eine Artenevolution wirklich gegeben, hätte man tausende von Zwischenformen finden müssen: z.B. Giraffen mit kurzem, mittleren und langem Hals. Und das bei all den tausenden Arten: Aber nicht eine einzige „Halbgiraffe“ oder eine andere Zwischenform konnte bisher gefunden werden, lediglich Fossilien von einigen ausgestorbenen Tieren.[…]Und weil Gott uns einen freien Willen gegeben hat, akzeptiert er unsere Entscheidung gegen Ihn. Deshalb lässt Er auch all das Elend auf dieser Welt zu: weil wir Ihm gesagt haben, dass Er sich nicht in unser Leben einmischen soll.[…]Aber dort (Himmel) kommen wir nicht hin, weil wir so gut und perfekt gelebt haben, sondern weil Jesus für unsere Schuld am Kreuz bezahlt hat.[…]und außerdem erzählen Schüler, was sie mit Gott an ihrer Schule erleben.” ist schon bezeichnend.
    Es gibt einfach Leute, die fundamentalistisch angehaucht sind, dass muss noch nicht mal schlimm sein, aber manche Sachen muten Außenstehenden skurril an. Meine Freundin noch aus Grundschultagen gehört zu einer kleinen und die Bibel ziemlich wörtlich nehmenden Glaubensgemeinschaft, d.h. keine Beziehung vor der Ehe, keine Musik, “angemessene” Frauenkleidung (ausschließlich lange Röcke usw.), kein TV, Computer etc. Sowas ist nicht tragisch, schränkt aber die Gesprächsthemen arg ein.

    “Gott, es gibt so viele schlimme Vorurteile gegenüber religiösen Menschen ;_;” Sag das mal Nietzsche! — Es sind Vorurteile in dem Sinne, dass auf Basis jener oben zitierter Texte eine Vorstellung entsteht. Ich werde mir aber natürlich selbst “live” ein Bild machen. Vorurteile habe ich generell gegenüber religiösen Menschen nicht, vielmehr impliziert dein Satz sogar, dass ich meine Einschätzung negativ gemeint habe, obwohl sie eigentlich wertfrei war. Außerdem war der text rhetorisch ein wenig überspitzt :-!

    “Ich würde diese These auf alle Fälle als lebendes Beispiel bestätigen.” Zum Glück *lebend*.

    “Also erster finde ich, dass die Bemerkung, man solle sich doch gefälligst Freunde suchen, sehr gemein irgendwie.” Interessante Syntax, übrigens. Ihre Einstellung ist schon ok, unangenehm wird es, wenn man dazu aufgefordert wird, einen Freund “nach Hause zu bringen” oder, wenn sie eine politisch korrekten Tag haben, nachsetzen “oder auch eine Freundin”. o.O

  3. taohuayuan said

    “Wie heißt das Zeug und wieviel kann man davon auf einmal trinken, ohne an einem Embolus im Hirn zu sterben?!” Ich werde es nächsten Freitag einmal ausprobieren. Mal sehen, ob ich bis zu den Ferien dann keinen Schlaf mehr finde – alternativ auch ewigen.

  4. Benni said

    “Vorurteile habe ich generell gegenüber religiösen Menschen nicht, vielmehr impliziert dein Satz sogar, dass ich meine Einschätzung negativ gemeint habe, obwohl sie eigentlich wertfrei war. Außerdem war der text rhetorisch ein wenig überspitzt :-!”

    Soetwas wollte ich auch nie behauptet haben .____.” .

    “Interessante Syntax, übrigens.”
    Das Kompliment geb ich doch glatt zurück ;P.

    “Sag das mal Nietzsche!”
    Nunja, Nietzsche meint ja nur, dass religiöse Anschauungen die Statik der Welt aufrecht erhalten, statt sie zu bekämpfen, aber das macht ja keine Absage an religiöse Menschen. Außerdem ist der Werteverfall ja im Gange und Glaubensgemeinschaften schrumpfen.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: