Mä-äh

November 5, 2008

Mutter (mit vollem Mund): “Was willst du morgen eschen?”

Ich: Als ob du kochen würdest. Als ob der Kühlschrank nicht leer wäre. Ich esche nicht, ich pflege zu weiden.

Mutter: Wie Zicken das nun so machen.

Wumm. Es kann kaum eine schlimmere (da unangebrachte) Beleidigung für mich geben. Schlampe hat dagegen gar keine so schlimme Konnotation, immerhin ist es ein Begriff, den meine Oma verwenden würde, um mir mangelnde Ordnungsliebe zu unterstellen.

Zicke ist fast auf eine Stufe zu stellen mit “Nutte”. Ich habe nichts gegen Prostitierte (Ich habe sogar eine in der entfernteren Verwandtschaft), obwohl es kein vom feministischen Standpunkt aus als günstig zu betrachtender Beruf ist. Oder gar gegen sexuell aktive Frauen. Unter sexuell “aktiven” (nicht als Gegensatz zu “inaktiv”, vielmehr konträr zu “passiv”) Frauen scheinen allerdings zwei Arten zu existieren. Die einen “nehmen” sich Sex, ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Ansichten bezüglich ihrer “naturgemäß angedachten” Rolle, müssen sich aber nicht über ihre Partner definieren. Die anderen tun genau das Gegenteil, sie biedern (/bieten) sich an und schöpfen aus der Zuwendung des anderen ihre Daseinsberechtigung. Warum nenne ich letztere Nutten, mangels eines besseren Terminus? Weil sie sich bezahlen lassen. Nicht unbedingt mit Geld –  kleinere und größere “Aufmerksamkeiten” (die eigentlich nichts anderes als Kompensation für fehlende Aufmerksamkeit sind) sind jedoch schon drin – aber mit einem gestiegenen Status in der peer-group, vermeintlicher “Coolness” und mit fremdbestimmtem Selbstwertgefühl. Dabei zahlen sie schlussendlich selbst – mit ihrer Selbstachtung und vor allem ihrer individuellen Definitionsmacht. Und, in Kreisen in denen Freizügigkeit nicht wohlwollend betrachtet wird, mit Anerkennung. Sie jagen nach etwas, dass sie nur durch Unterwerfung erreichen können. Selbst dann können sie es nicht festhalten, so zerbricht immer wieder ihr kleines, fragiles, trendiges Selbstbild.

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4 Responses to “Mä-äh”

  1. Benni said

    Warum steht “Zicke” denn auf einer Stufe mit “Nutte”? Ich finde schon, dass der Unterschied recht groß ist und Zicke halt mehr so auf ‘arrogant’, ‘streitsüchtig’, ‘unsachlich’ aufbaut. Gut, das sind auch nich grad die nettesten Worte, aber so fies wie “Nutte” find ichs nich ;P .

    Du musst bei deinem “Frautypus: Nutte” übrigens auch bedenken, dass er sich nicht ganz klar abgrenzen lässt. Sicherlich ist er das Produkt einer oberflächlichen Gesellschaft, in der Selbstdefinition durch den Status erfolgt, aber letztendlich ist er rein psychologisch genauso erfolglos wie andere Selbsterhaltungsstrategien. Außerdem kann der Wunsch nach sexueller Befriedigung auch für eine reine Suche nach Liebe/Wärme/Geborgenheit herhalten, der wir letztendlich alle nachstehen. Man könnte ebenso eine Midwestlerin Nutte nennen, weil sie einen Mann heiratet, um ihr Leben als Hausfrau und Mutter zu fristen und damit absolut glücklich ist.

    Auch finde ich, sollte der feministische Standpunkt gerade deshalb auch nicht ganz so elitär sein – letztendlich entscheidet jeder Mensch selbst, nach welchen Prinzipien er leben möchte und solange weder Zwang noch bloße Notwendigkeit hinter beispielsweise Prostitution oder eben denen, die sich anbiedern, steckt, ist das eine klare Linie der Selbstschöpfung.
    Das ist ja auch das übertreffend Positive an unserer Gesellschaft: Solange ich weder mir noch wem anders wehtue, darf ich als vollwertiger Mensch so leben, wie ich will.

    Natürlich ist mir klar, dass du hier niemanden durch den Milchschaum gezogen hast, aber wenn dieses trendige Selbstbild zumindest die Illusion von Selbstdefinition erfüllt, ist das nichts Verwerfliches mehr. Fragil und unvollständig ist ein Selbstbild immer.

  2. taohuayuan said

    “Man könnte ebenso eine Midwestlerin Nutte nennen, weil sie einen Mann heiratet, um ihr Leben als Hausfrau und Mutter zu fristen und damit absolut glücklich ist.” Eben deshalb mag ich den Begriff auch nicht, aber es fällt mir keine nicht zu komplizierte Alternative ein.
    Der Haken ist nicht ein individuelles Selbstbild (bezüglich dessen Nutzen/Entstehung stimme ich dir zu) sondern die gesellschaftlichen Implikationen der Masse solcher Bilder, sie nehmen dem Einzelnen etwas von seiner Selbstverantwortung und ebenso Auswahlmöglichkeit für die Bausteine seiner Individualdefinition. Zumal bei deinem Beispiel die Frage auftritt, ob “sie” das wirklich will oder “einfach nur” den einfachen Ausweg nimmt.

    “darf ich als vollwertiger Mensch so leben, wie ich will” Natürlich, es stellt sich nur die Frage, ob man nicht von seiner Vollwertigkeit den Putz abkratzt, wenn man allzu devote Verhaltensmuster (wiederum im sozio-kulturellen und nicht im konkreten Einzelfall) an den tag legt. Vielleicht ja absichtlich.
    “sollte der feministische Standpunkt gerade deshalb auch nicht ganz so elitär sein” Welcher feministische Standpunkt? Meine geschilderte Sicht hat mit Feminismus nur in sofern zu tun, dass es um Frauen geht. Übrigens sind Feministinnen keine einheitliche “Front” (wenn schon elitär… 😉 ), manche meinen, Frauen sollten 100% selbstbestimmt leben, andere, sie würden dafür kämpfen, dass Frauen auch freiwillig Irrsinn machen dürften.

    “Solange ich weder mir noch wem anders wehtue”
    Das finde ich halt fragwürdig.

    Übrigens fällt mir auf, dass ich bei der Gratwanderung, die der Text besonders durch die Schimpfworte darstellt, völlig versagt habe und er viel radikaler klingt als beabsichtigt und letztendlich die scheinbare Aussage sinnlos wird.

  3. Benni said

    “Welcher feministische Standpunkt?”
    der da:
    “obwohl es kein vom feministischen Standpunkt aus als günstig zu betrachtender Beruf ist”
    ;P

    Ich maße mir auch an, so ziemlich verstanden zu haben, was du sagen wolltest, und arg so polemisch ist das alles gar nicht. Es ist nur so, dass einiges meinem bescheidenen Empfinden nach recht kategorisch klang. Beispielsweise devotes Verhalten kann sehr viele Nuancen haben, die sich aus rein psychischen Umständen ergeben, die das Persönlichkeitsbild nicht zwangsläufig belasten müssen. Ich persönlich würde mich auch als devot bezeichnen, wenn man jetzt mal die Gratwanderung weiterverfolgt (Achtung, ich möchte dir mit der Äußerung nichts unterstellen 😉 ), prostituiere ich mich, sobald ich etwas zum Loben finde.

    Wir leben eben in einer neurotischen Gesellschaft, wo der Computernerd genauso unzulänglich ist wie der Leistungssportler und ein Gandhi für sein Lebenswerk ähnliche Beweggründe hat, wie eine Puffmutter (ich weiß, dass das weit hergeholt ist 😉 ). Grundsätzlich stimme ich dir bei allem regelrecht zu, allerdings unterstelle ich, dass das unerfüllte Streben nach einem Selbstbild ein gewichtiger Teil unseres abstrakten Denkens ist, was selbst aus der oberflächlichsten personifizierten Persönlichkeitslosigkeit ein würdevolles Wesen macht, das sich beispielsweise von Leuten wie dir, mit viel Charaktertiefe, dadurch unterscheidet, dass die jeweilige Fremdwahrnehmung (die von der Selbstwahrnehmung bestimmt wird) nicht mit der anderen kompatibel ist.

    Kurzum: Jede Persönlichkeit spricht eine andere Sprache. Manche sind affin, andere äußerst distant. Was allen Sprachen gleich bleibt, ist, dass sie bestimmte Grenzen des Ausdrucks haben und deshalb nicht allumfassend beschreiben können, was letztendlich das Selbstbild mehr oder weniger verhindert. Das ist etwas sehr Tolles, denn es sagt, dass Nietzsche recht hat.

    (Sollte dieser Text kryptisch erscheinen, melden Sie sich bitte zwecks Reklamationen bei unserer Geschäftsstelle. Halten Sie auch ihre Adresse, Artikelnummer, Kontodaten und Geheimzahl bereit.)

  4. taohuayuan said

    “feministischen Standpunkt” Um Prostitution im klassischen Sinne ging es ursprünglich ja gar nicht.

    “die das Persönlichkeitsbild nicht zwangsläufig belasten müssen.” Klar, auf diese Spielarten bezog ich mich nicht, sondern vielmehr auf den Ursprung oder gar Trend. Ehrlich gesagt steht meiner Meinung nach die individuelle Psychologie hinter gesellschaftlichen/sozio-kulturellen Einflüssen zurück.

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