Abstinenz

November 14, 2008

Langsam öden mich die “sexy” Themen an. Aber es ist schon erstaunlich, welche unfreiwilligen Einblicke in das Sexualleben (oder so etwas in der Art) anderer man in der Schule erhalten kann. Ich würde mich keinesfalls als prüde bezeichnen, jedoch wusste ich in den jeweiligen Situationen nicht, ob ich lachen sollte oder mich hinter meinem Schulbuch verstecken und das Trauerspiel ignorieren. Heute morgen, O-Ton der männlichen Mitschüler: “Ich habe doch mit dem X. eine Wette, wie lange ich es ohne Onanieren aushalte…Da könnt ihr mir doch nicht solche Bilder mailen! P., das Bild, das du geschickt hast, war schön, aber C., deins war schon wieder etwas zu…übertrieben.”

Vorlieben bezüglich Busen, Hüftform, Beinlänge wurden ebenfalls diskutiert. Es hat bloß noch der Austausch gefehlt über Tipps zum richtigen Masturbieren oder “den perfekten Sex”, wie auf Frauenzeitschriftencovers so schön heißt**. Fast so toll wie das gemeinschaftliche Schmökern in “Feuchtgebiete[n]” in der Freistunde.Oder gar die Kommentare einiger Mitschülerinnen zu den Animationen eines Computerspiels: “Die machen ja gar keinen richtigen Sex. Also bei mir geht das besser und da ist es auch spannender*.” Stimmt, die Computerspielfiguren haben das Stecker-Steckdose-Prinzip nicht verstanden. Nun gut.

Mich beschleicht bei derartigen Gesprächsthemen immer das Gefühl, den Zeitpunkt verpasst zu haben, als die Interessen der Gleichaltrigen sich verschoben, als sich das Schamgefühl einer ganzen Generation sich veränderte. Nicht, dass das inhärent problematisch wäre, aber skurril ist es trotzdem.

*Ich weiß nicht, wie viele in diesem Augenblick dachten “Die würde ich gern mal “ausprobieren”.”

** Brillianterweise tauchen in den Artikeln (zugegebenermaßen habe ich nur zwei Mal in so einer Zeitschrift geblättert, und das auch nur, um die Gutscheine herauszureißen) immer Vorschläge auf wie ein gemeinsames Buttermilch-Rosenblüten-Bad, kompliziertes Sexspielzeug (Wer weiß schon, dass es im entsprechenden Versandhandel ein Gipsabdruckset für den personalisierten Dildo gibt? Wer will es überhaupt wissen?), bestimmte Atemtechniken oder das Rasieren eines Musters in die Schamhaare. Ich würde ja die Idee “Ikebana mit Kondomen” in den Raum stellen, aber dann nähme mich ja keiner mehr ernst.

Kopf —-> Tisch.

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5 Responses to “Abstinenz”

  1. Benni said

    Das Problem ist halt einfach die Verschlampung von Intimitätsgefühlen. Es ist inzwischen “cool” mit anderen Leuten über die Farbe seines Spermas zu reden oder Pornoszenen zu analysieren.
    Masturbation ist auch nur noch so ein Mittel zum Zweck, hauptsache schnelle Aufgeilung und avec ce cri ultime de cette dernière (hm, das war zu poetisch für die Sache selbst). Im Grunde sollte auch Selbstbefriedigung irgendwas Intimes sein, aber wenn sich Bürschchen irgendwer gemäß dem letzen Internetporno einen runterholt, ist da nunmal wenig Intimität, geschweigedenn Gefühl dabei. Deswegen hab ich persönlich auch immer ein bisschen das Bild des verzweifelten Vollheinies vor mir, der seine Sexualität via Porno kennengelernt hat und einer eventuell späteren Beziehung wahrscheinlich das Stecker-Steckdose-Prinzip vollends zur Last legt.

    Sexuelle Triebe sind heutzutage irgendwie Identifikationsmuster Nummer 1. Deswegen könnte ich auch sagen “Den dort kenn ich, der geht jetzt aufs Goethe-Gymnasium” und “Den dort auch, der ist schwul”, ohne, dass da jemand einen Logikfehler sieht. Man würde vielleicht sogar sagen “Ja, der sieht schon schwul aus” – braune Pullover sind aber auch echt nich mehr heterosexuell, was …

    Die Welt ist halt einfacher, wenn man “Ficken” und “Blasen” zu seinem Grundvokabular zählt – wenn man der Sache selbst der transzendentiellen Begriffe beraubt, ist die sicher auch nich mehr so kompliziert und man muss keine Achtung vor dem Partner haben.

    Das Problem ist eben die Vergewaltigung der Errungenschaften der 68er. Heutzutage kann sich ein bekloppter Komiker ins Abendprogramm stellen und beschreiben, wie sich seine Körperflüssigkeiten nach dem Sex verhalten und die Leute finden das lustig. Heutzutage findet man überall irgendwelche soi-disant Verführungstechniken, die letztendlich für den männlichen Part bestimmt sind und die Frau einfach so weit manipulieren sollen, dass die sich still aufs Bett legt und das ganze über sich ergehen lässt. Freizügigkeit ist nichts Erhebendes mehr, es ist einfach nur noch Ausdruck einer pornografischen Sicht der Dinge. Das entweiblicht nicht nur die Frau endlos, die letztendlich tatsächlich die erste Leidtragende des Trauerspiels ist, sondern sorgt auch dafür, dass Sexualität nur noch ein trendiger Trieb ist, der auf seine Abarten beschränkt wird. Und natürlich hat heutzutage jeder, der einen Porno gesehen hat, sofort Ahnung von gutem Sex.

    Schlussendlich ist das halt die Verrohung der Gesellschaft, damit muss man klarkommen. Leute, die sich über sowas auslassen müssen, kompensieren damit aber sowieso nur eine Art von Minderwertigkeitskomplex – in dem Sinne hattest du mit dem Bild der “Nutte” doch sogar noch mehr recht, als ich das vermutet hatte, vor allem, weil man das auch so schön auf die Herrenwelt beziehen kann. Das mag elitär und kalt klingen, aber in solchen Belangen kann man sich nur glücklich schätzen, nicht so zu sein.

  2. taohuayuan said

    “dass die sich still aufs Bett legt und das ganze über sich ergehen lässt.”
    Na, da gäbe es auch wieder Beschwerden, “aktiv” soll die Dame dann schon sein, aber im vorgegebenen Rahmen.

    “Pornografisierung”
    Besagte Verwandte von mir erzählte einmal, dass die Freier früher einfach “Standardsex” bzw. oft auch ein Gespräch wollten, mittlerweile aber die krassesten Sachen routinemäßig verlangt werden. Offenbar geht es den meisten Prostituierten so. Wunderbar, dass Rot-Grün es bei halben Sachen gelassen hat und neben der Legalisierung der Prostitution nicht die Position der Arbeiterinnen in diesem “Gewerbe” gestärkt hat.

    “Den dort kenn ich, der geht jetzt aufs Goethe-Gymnasium” und “Den dort auch, der ist schwul”, ohne, dass da jemand einen Logikfehler sieht.”
    Frei nach dem Motto – “War das die Ältere?” “Nein, die Schwarze.”

    “das Bild des verzweifelten Vollheinies vor mir, der seine Sexualität via Porno kennengelernt hat”
    Im Bezug auf Pornokonsum oder Selbstbefriedigung allgemein?

    “Das mag elitär und kalt klingen,”
    Kalt wäre eher die Gegenposition.

  3. Benni said

    “Na, da gäbe es auch wieder Beschwerden, “aktiv” soll die Dame dann schon sein, aber im vorgegebenen Rahmen.”
    Das stimmt auch wieder – schließlich geht heutzutage nichts mehr ohne Oralverkehr und verbogene Stellungen, damit das Aufeinanderrumrammeln etwas mehr Abwechslung hat.

    “dass die Freier früher einfach “Standardsex” bzw. oft auch ein Gespräch wollten, mittlerweile aber die krassesten Sachen routinemäßig verlangt werden. Offenbar geht es den meisten Prostituierten so.”
    Naja, ich vermute auch, dass das Prostituiertengewerbe gerade deshalb mehr und mehr an tatsächlicher ‘Normalität’ verliert, weil der Begriff “Hure” fast ein bisschen lautmalerisch auf eine alte Puffmutter schließen lässt, die für Geld alles macht und dementsprechend zerfressen aussieht. Außerdem bringt das Internet natürlich auch die Freier auf neue Ideen beziehungsweise leben die ihren Fetisch besser bei einer komplett Fremden aus, die keine Fragen stellt. All das in Verbindung mit dem Sittenverfall (SM und Bondage ist seit ein paar Jahren durchaus gesellschaftsfähig) …

    “Frei nach dem Motto – “War das die Ältere?” “Nein, die Schwarze.””
    Wir sind halt eine durch und durch aufgeklärte Gesellschaft …

    “Im Bezug auf Pornokonsum oder Selbstbefriedigung allgemein?”
    Sexualität im Allgemeinen. Früher war es so, dass die Leute ihren Trieben ziemlich planlos gehorcht haben, weil sie keiner aufgeklärt hat; heutzutage ist es so, dass die Triebbefriedigung bewusst in den Vordergrund rückt, wenn du mich fragst auf eine regelrecht schmutzige Art und Weise.
    Das hängt natürlich auch mit dem Wandel der Frauenrolle zusammen: Von der Unterdrückten zum Sexobjekt.
    (das natürlich unter Vorbehalt; wir sprechen hier vielleicht von einem großen Teil der Gesellschaft, aber nicht allen – Frauen wissen sich durchaus durchzusetzen und Sex ist nicht überall ein pornografisch-fetischistischer Akt)

  4. taohuayuan said

    “verbogene Stellungen”
    Na gut, bei einigen Positionen hat der weibliche Part wenigstens ansatzweise die Chance, mehr Befriedigung als bei der Missionarsstellung zu bekommen.

    “heutzutage ist es so, dass die Triebbefriedigung bewusst in den Vordergrund rückt, wenn du mich fragst auf eine regelrecht schmutzige Art und Weise.”
    Daran besteht kein Zweifel.

    “”Im Bezug auf Pornokonsum oder Selbstbefriedigung allgemein?”
    Sexualität im Allgemeinen.”
    Ich hatte mein Nachfragen eher auf den Kontrast zwischen deinen folgenden Aussagen bezogen
    “Im Grunde sollte auch Selbstbefriedigung irgendwas Intimes sein […] immer ein bisschen das Bild des verzweifelten Vollheinies” – da ich mich gefragt habe, ob du diesen negativen Standpunkt auf Selbstbefriedigung *insgesamt* beziehst, was nicht zum ersten Satz passen würde, aber da der ganze Absatz davon handelt es auch wieder logisch wäre (äh…nicht, dass es mich etwas angehen würde, ich habe mich nur gewundert, ob aus deinen Zeilen überhaupt eine Meinung herauszulesen war)

    “SM und Bondage ist seit ein paar Jahren durchaus gesellschaftsfähig”
    Wobei zumindest manche Spielarten davon noch ziemlich harmlos und wohl kaum verdammenswert sind. Ich persönlich finde, die Leute können meinetwegen singend im Kopfstand kopulieren, falls sie das wollen, solange auf keinen in irgendeiner Hinsicht Druck im Bezug auf Sex ausgeübt wird.

    “Frauen wissen sich durchaus durchzusetzen”
    Es wäre sehr traurig, wenn dies nicht der Fall wäre. Leider dienen solche Positivbeispiele aber allzu oft zum Aushebeln jeder Kritik. Oder die Diskreditierung erfolgt anhand des Arguments der “Prüderie” bzw. dem Unterstellens des Ziels, die Freiheit einschränken zu wollen.

    Trotz der unmengen von pornoseiten ist das Internet schon toll – was man da alles für dinge diskutieren kann, ohne rot zu werden!

  5. Benni said

    “Na gut, bei einigen Positionen hat der weibliche Part wenigstens ansatzweise die Chance, mehr Befriedigung als bei der Missionarsstellung zu bekommen.”
    Ich finde aber auch nicht unbedingt, dass die Befriedigung allen Ernstes im Vordergrund stehen muss, vor allem nicht auf primär geschlechtlichen Weg. Die Vorstellung selbst, dass alles nur mit rein-raus vonstatten geht, hat was von einem unaufgeklärten 5jährigen.
    Zumindest stimmt das aber, so wird wenigstens eine sehr absurde Form der Etwas-mehr-Gleichstellung bewirkt.

    “(äh…nicht, dass es mich etwas angehen würde, ich habe mich nur gewundert, ob aus deinen Zeilen überhaupt eine Meinung herauszulesen war) ”
    Im Grunde schon ein bisschen. Ich finde einfach, dass jeder Mensch das Recht hat, sich auch selbst zu befriedigen, aber wenn das nur noch motorisiertes Internetgeklicker mit Tierpornos und Moneyshot ist, dann ist das richtiggehend ekelerregend. Der Punkt ist, dass eine Mehrheit, vor allem Jungen unserer Generation, erotische Fantasien als das definiert, was ihnen im einschlägigen Porno begegnet. Dann doch lieber freizüge Frauenromane, in der die Gräfin den Stallburschen trifft, oder wenigstens de Sade oder sowas. Das ist zwar sehr flach, aber wenigstens auf einem geringen Niveau fantasievoll (naja, de Sade auch eher weniger) und nicht grundlegend abstoßend.

    Außerdem sollte man nicht über alles sprechen, wenn die Distanz dazu nicht gewahrt bleibt. Das ist auch sonne Sache mit dem SM und Bondage – von mir auch sollen die Leute das ruhig machen, auf einem gewissen Level ist das ja sogar ein bisschen poetisch; aber es sollte eben nicht gesellschaftsfähig sein.

    Das bedeutet ja um Himmelswillen nicht, dass sich die Leute verstecken sollen oder so, aber a) neigt die Gesellschaft nunmal dazu, da zuviel hinein zu pauschalisieren (“Der Hugo mit der Brille?” – “Nein, der Hugo der auf SM steht.” … das passt irgendwie überall \o/ ), b) wird es genau dadurch zur Normalität. Es ist dann kein sexuelles Abenteuer mehr, es ist eine alltägliche Praktik.

    Genauso wie Onanie. Früher hätte man gewettet, wie lange man es wohl schafft, ohne Schokolade zu leben oder die Luft anzuhalten oder sogar nicht aufs Klo zu gehen oder auf dem Friedhof zu schlafen oder so. Die intimste Sexualität, nämlich die mit sich selbst, kommt also inzwischen noch unter Kindereien, Süßkram, Mutproben und Stuhlgang. Toll! Damit wird Freuds Psychoanalyse bald nichtig – der lebenserhaltende Trieb ist nicht mehr der Eros, sondern die innere Motorik.

    “Oder die Diskreditierung erfolgt anhand des Arguments der “Prüderie” bzw. dem Unterstellens des Ziels, die Freiheit einschränken zu wollen.”
    Ich frag mich aber auch, wie glaubhaft dieses Argument in einer Gesellschaft ist, in der ein grundlegendes Adjektiv die ganze Sexualität eines Menschen mit der sexuellen Veranlagung anderer zusammenfasst.

    “Trotz der unmengen von pornoseiten ist das Internet schon toll – was man da alles für dinge diskutieren kann, ohne rot zu werden!”
    Naja, Sittenverfall der Sexualität wäre mal ein tolles Thema für Englisch, aber dann hätten wir ja weniger Zeit für die ökologischen Probleme des Planeten und die sozialen Probleme wie Welthunger und Bush (nicht, das beide die selbe Wirkung auf die Welt hätten, aber das “und” dazwischen ist interessant).
    Rot werd ich eigentlich nur, wenn es spezifisch btw. persönlich wird. So ganz allgemein über Masturbation und so zu reden ist ganz lustig, weil man den Dingen da noch keinen Namen gibt 😉 .

    Wenn wir schon so tief in das Thema vordringen: Ich persönlich halt wenig von Selbstbefriedigung, weil ich irgendwie den “sozialen” Aspekt der Sache interessanter finde. Vielleicht bin ich auch einfach ein bisschen zu anspruchslos; ich bin durchaus mit Kuscheln zufrieden. (zu viel Information? Also ich bin jetzt rot geworden!)

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