Die beruhigende Banalität der Erinnerungen

November 20, 2008

Man stelle sich vor, ein Mensch ist gestorben. Die einzigen Kommentare, die man dazu hört sind Ausdruck der Verwunderung, wie dies auf Grund des geringen Alters und seiner offenkundigen Gesundheit des Betroffenen überhaupt möglich sei und nostalgisches Schwelgen im Unwissen über denjenigen, der doch immerhin Jahrgangsbester etc. war. Die Leute vergessen offenbar schnell. Viel zu schnell, welche Möglichkeiten ausgelöscht worden, welches Potenzial. Welche tiefstgeheimen Gedanken, welche utopischen Wünsche, welche noblen Ziele.

Sportler und Jahrgangsbester – möchte man so erinnert werden? Möchte man überhaupt, dass eine Erinnerung übrigbleibt, eine Erinnerung, die nur auf der Existenz an sich beruht? Macht es einen Unterschied? Und was macht diese eine Person wertvoller der Erinnerung als die, die zu tausenden täglich an Hunger, Krieg, Alterschwäche oder einfach ungünstigen Zufällen sterben? Was maßt jeder Einzelne sich an, wenn er erinnert werden will? Sind wir es wert?

Bleibt Menschen, die vor ihrer Zeit starben, die Mittelmäßigkeit erspart? Immerhin ist zwar die Reduktion auf zwei Begriffe – nur zwei Aspekte einer tausendschichtigen Person, die für diese noch nicht einmal eine große Bedeutung gehabt haben müssen – tragisch, aber nichts im Vergleich zur alltäglichen Zusammenfassung der Opfer. Ganz nebenbei, vielleicht während andere beim Mittagessen sitzen, sterben mehrere Dutzend nach einem Selbstmordattentat, oder Hunderttausende in einer Naturkatastrophe.

Und da wollen die Leute “leben”, also erstmal richtig anfangen, irgendwann, wenn sich die Möglichkeit ergibt, als wären nicht schon Jahre bis Jahrzehnt damit verbracht worden. In dem Moment denkt aber keiner daran, und so machen sie sich auf den Weg, um ein Ziel zu erreichen, dass sie nicht einmal sich vorstellen geschweige denn definieren können. Manche stolpern auf diesem Weg über Gott, andere stolpern über Dreck und bleiben am Boden liegen oder kriechen zurück, manche wiederum gehen immer weiter und werden Poeten, merken aber nicht, dass der Pfad kein Ende hat, außer das Universum entschließt sich irgendwann zur Deflation. Dann ist aber auch der letzte, den das interessieren könnte, bereits tot.

Ich frage mich, wer überhaupt länger als eine Minute die Augen aufreißen würde, wenn er beim Klassentreffen erführe, dass sein ehemaliger Mitschüler bereits im ersten Semester gestorben ist.

Nicht viele. Wer genau 1 Minute und 29 Sekunden nach dem Erhalt der Nachricht über den Tod eines Gleichaltrigen – fernab von der Manifestierung des Gedankens, dass Jugendliche nicht unsterblich sind – schon wieder über völlig banale Witze lachen kann, dessen Empathie hat eine zu kurze Halbwertszeit, um nicht von der Hetze des Alltags geschluckt zu werden. Aber lautete die Alternative nicht ewiges Jammern, Zerbrechen am täglichen Leid? Der, der diese Lüge in die Welt gesetzt hat, kennt sich zwar mit der Psyche der Menschen aus, unterlag aber einem der größten Irrtümer überhaupt.

Muss man Tote ruhen lassen, ihr Andenken? Darf man es? Darf man sie für die eigenen Reflektionen zum Leben (und dessen Janusgesicht, dem Tod) benutzen? Muss man es nicht sogar?

Wenn wir jedoch daran denken, was nach unserem Tod von all dem Angesammelten übrig bleibt, dann fiele vor unseren trüben Äuglein alles der Insignifikanz anheim, wir könnten uns das Weiterleben ersparen, einfach aufhören zu atmen, fällt keinem auf, ganz leise. Nur ist das gar nicht so leicht. Das wiederum, das hat die Natur schlau eingefädelt.

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