Über die Unmöglichkeit, Chinesisch und Japanisch gleichzeitig zu lernen

December 5, 2008

Ich konstatiere – es mag funktionieren, ist aber viel umständlicher als der ebenso übertrieben optimistische Versuch Spanisch und Französisch gemeinsam zu lernen. Im zweiten Fall ergibt sich das Problem aus der Gefahr, die Sprachen zu vermischen oder von der Muttersprache abweichende Regeln der falschen Sprache zuzuordnen bzw einfach davon auszugehen, dass eine bestimmte Kontruktion in beiden Sprachen gleich funktioniert.

Das alles kann bei Chinesisch und Japanisch kaum passieren – syntaktisch sind die Beiden völlig unterschiedlich, der Klang ist vollkommen anders (Chinesisch klingt für mich zumindest weicher, variantenreicher und flüssiger [äquivalent zum Französischen]; Japanisch härter, stockender mit mehr Wiederholungen, die aus grammatischen Anhängseln resultieren [klanglich eher “spanisch”]). Bei jeder neuen Sprache muss ich erst mal eine Schwelle überwinden – nicht über den Klang zu lachen, bei Japanisch fast kein Problem mehr, bei Französisch umso mehr (das bezieht sich nicht auf meine mühseligen Sprechversuche, sondern das Klangbild an sich).

Apropos Grammatik: Wer kommt auf die Idee, Adjektive zu konjugieren? (Die selben Leute, die kollektiv eine Bananendiät machen, so dass der Nachschub an diesen nicht mehr gewährleistet werden kann…) Warum haben Männer ein anderes Vokabular als Frauen und weshalb verwenden sie manchmal ein weniger höflicheres Register als diese?

Die bisher angesprochenen Aspekte sind aber lediglich, was diese Sprachen überhaupt interessant und herausfordernd macht. Jetzt kommt der mathematische Teil. Chinesische 汉字 (hanzi) haben meist mehr als eine Lesung, diese unterscheiden sich entweder nur geringfügig durch den Ton (lou2, lou4) bzw. Lautverschiebung (zhi4, chi2), manchmal aber auch völlig (hai2, huan2 oder wie das allseits beliebte 行: xíng háng xìng hàng héng). Große Unterschiede sind durch den Kontext meist leichter erkennbar und einprägbarer als Tonunterschiede. Mein Ziel bezüglich der Anzahl der bekannten 汉字 beläuft sich auf 10000 (7000 als Mindestzahl). Insgesamt also 10000 Zeichen mit schätzungsweise 16000 Lesungen. Dazu kommen aber noch die traditionellen Varianten, die im Regelfall die gleiche Lesung haben, aber eben aus anderen (oder einfach mehr) Radikalen bestehen. Zwischenstand: 12000+16000. Witzigerweise reicht es aber eben nicht, einfach die Zeichen zu konvertieren – Fahrrad ist 腳踏車 (vereinf.: 脚踏车) in Taiwan, aber 自行车 auf dem Festland. Obwohl man sich vielleicht verständlich machen könnte, immerhin mangelt es ja sowohl Fuß-Tret-Fahrzeug als auch Selbst*-Bewege-Fahrzeug nicht an Logik. *自(selbst) bezieht sich auf den Fahrer, nicht das Rad.

Von den 漢字(kanji, das Zeichen 漢 entspricht 汉, letzteres ist lediglich vereinfacht) sind nur etwas mehr als 2000 gebräuchlich, die anderen schlagen auch Japaner nach. Jedes dieser Zeichen hat allerdings eine chinesische und 2 japanische Lesarten (wie schon einmal beschrieben) und sie entsprechen den vom Aussehen traditionellen 汉字, nur mit anderer Strichreihenfolge. Dazu kommen aber einige japanische Vereinfachungen und der Haken an der ganzen Sache – viele 漢字 mit 汉字-Entsprechung bedeuten was anderes oder werden zumindest völlig anders verwendet (was Häufigkeit, Idiomatik und schlicht den Einsatz betrifft). Endstand: 13500+21000. Vom Aufbau eines funktionellen Vokabulars aus diesen Bauklötzchen gar nicht zu sprechen.

Und jetzt wird es schwer.Vor allem, wenn beim Lernen gezwungen ist, zwischen Pest und Cholera zu wählen. Textmaterial aus Kana (den niedlichen Krakeln) wie für Grundschüler oder die fortgeschrittenere Variante mit Kanji (wobei man natürlich immer noch Kana braucht)? Ersteres kann ich vorlesen (besser gesagt, könnte, wenn ich endlich mal dazu komme, mir die Kana einzuprägen), aber nicht einmal ansatzweise verstehen geschweige denn die Wortanfang und -ende finden. Im zweiten Fall kann ich grob den Inhalt abschätzen**, aber eben die Kanji nicht laut lesen (zuviele Varianten…), das Wortende allerdings auch nicht immer finden (außer, es koinzidiert mit dem Auftreten einer Partikel, aber selbst dann ist es nicht hundertprozentig sicher, dass das Zeichen nicht doch zum Wort gehört und nur eben genauso wie die Partikel ausgesprochen wird).

Überhaupt ist das Erschließen selbst der einfachsten japanischen Texte mehr Sudoku-artige Puzzlearbeit. Wenn z.b.  元気 genki gesund/Vitalität bedeutet, das 気 Energie, kann man ableiten, dass “tenki” Wetter bedeutet (ten klingt wie 天 tian1, Himmel[chin.]) und sich 天気 schreibt, was dem chin. 天气 entspricht. Logisch? Nein? Auch gut.

**(ok, in etwa so gut wie das bei Französisch geht, d.h. nicht besonders akkurat)

[Koreanisch spare ich mir dann doch lieber. Zuviele geometrische Krakel.]

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2 Responses to “Über die Unmöglichkeit, Chinesisch und Japanisch gleichzeitig zu lernen”

  1. Benni said

    “Fahrrad ist 腳踏車 (vereinf.: 脚踏车) in Taiwan, aber 自行车 auf dem Festland. Obwohl man sich vielleicht verständlich machen könnte, immerhin mangelt es ja sowohl Fuß-Tret-Fahrzeug als auch Selbst*-Bewege-Fahrzeug nicht an Logik. *自(selbst) bezieht sich auf den Fahrer, nicht das Rad.”
    Solche Übersetzungen sind unheimlich liebenswert ^_^ .

    Ich kann deine zwischenzeitliche “Frustration” auch relativ gut nachvollziehen: Mir persönlich fällt es schon schwer, mir zu jedem chinesischen Schriftzeichen die Strichreihenfolge, Aussprache und Übersetzung zu merken, wenn jetzt noch haufenweise Überschneidungen und Ähnlichkeiten und diese und jene Verkomplifizierung dazukommen würden und es dazu gesehen auch nochmal ein paar tausend Schriftzeichen mehr würden, das alles mit neuer Grammatik und Idiomatik – Gute Nacht.

    Ich würde dir übrigens gern Tipps geben, wie du das mit Französisch schneller und besser hinbekommst (mal nebenbei bemerkt: deine Aussprache ist inzwischen besser als bei so machen Leuten, die die Sprache seit der 7ten in der Schule haben), aber sowas braucht nunmal viel Zeit, weil derart vermündlichte Sprachen immer sehr tolle Besonderheiten haben (Stichwort Vokale-auf-Vokal-Bindung im Spanischen, das ist teilweise unheimlich kompliziert).
    Was die Grammatik angeht: Die große Grammatik bleibt grundlegend gleich – beispielsweise der Gebrauch der Zeitformen (bis auf das indefinido/passé simple) oder die Grammatik hinter der Konjugation. Auch ist das Raumverständnis soweit ich das mitbekommen habe im Spanischen und Französischen relativ ähnlich – zugegeben, “en” steht für 11 verschiedene Raumverhältnisse.

    Erm…wenn du möchtest könnten wir auch gern noch ein paar zusätzliche “Stunden” was das Sprachenbeibringen angeht einräumen (ich wäre für ein bisschen Extraspanisch/-chinesisch zum Beispiel auch sehr glücklich). 45 Minuten in der Woche bringen recht wenig, vor allem, wenn man sie nicht immer einhalten kann; und ich weiß zwar, dass du auch nich unbedingt viel Zeit übrig hast, aber vielleicht findet sich ja doch hin und wieder mal noch ne halbe bis ne Stunde nach der Schule?

    Französisch durch Deutung zu verstehen ist übrigens bei manchen Texten schon ganz toll möglich – Beispiel Petit Prince, da steckt unheimlich viel zum Lernen drin, vor allem, wenn man die Geschichte etwas kennt (ich kann das 7te Kapitel bald in 3 Sprachen auswendig, das ist toll!). Ich hab auch neulich zur Übung mal einen metaphysischen Text über “realidad y verdad” gelesen – es funktioniert auf alle Fälle ein bisschen, wenn die Texte viele Worte enthalten, die wir als Fremdwort kennen.

    Hm, aber eigentlich ging es dir ja um die asiatischen Sprachen und ich laber über die romanischen ._.” .

  2. taohuayuan said

    “aber eigentlich ging es dir ja um die asiatischen Sprachen und ich laber über die romanischen” Macht nichts, konstruktiv war es dennoch.

    “aber vielleicht findet sich ja doch hin und wieder mal noch ne halbe bis ne Stunde nach der Schule?”
    Ich habe unregelmäßig von Zeit zu Zeit Matheausfall (freitags) und sobald ich die BeLL fertig habe (hoffentlich bis morgen…) hätte ich montags ab 12.45 Zeit, wie sieht es bei dir aus? Oder donnerstags zwischen 16.00 und 18.00 (nur ist das wahnsinnig spät).

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